Ausflug zur immer währenden Wahrheit

Unsere ganze Belegschaft durfte sich heute die Sonderausstellung zu Tibet ansehen. Nun wissen auch in China arbeitende Ausländer: Dach der Welt war, ist und bleibt ein Teil Chinas.

Wenn es in China noch ein Mandat des Himmels gibt, dann hat es heute gesprochen. Die ganze Belegschaft unserer Firma durfte sich die Schau im Pekinger „Palast der Nationalen Minderheiten" ansehen. Dort wird derzeit mit viel Aufwand über die „lange und unzertrennliche Geschichte zwischen Tibet und dem Vaterland" erzählt. Als wir das Museum betraten, begann draussen ein heftiges Gewitter.

Vor allem andere äusländische Experten interessierten sich dafür wie die Volksbefreiungsarmee die Tibeter 1951 friedlich von einem Leben in Feudalismus und Leibeigenschaft befreit und „soziale Entwicklung" ermöglicht hatte. Die meisten in unserer Gruppe waren andere Ausländer. „Nein", ruft eine von ihnen schon bei der ersten Schautafel. „Tibet war während der Yuan-Dynastie niemals ein Teil Chinas!"  Ihre chinesische Begleiterin schaut sie verwundert an. „Glaubst du das denn etwa?", fragt sie weiter. „Für uns ist es sehr schwierig eine Meinung zu haben, weil wir mit zwei unterschiedlichen Informationen konfrontiert sind", weicht die Chinesin aus.

In den beiden Ausstellungshallen wimmelt es von Polizisten, Soldaten und Aufsehern. Ein Teil von ihnen ist selbst zum Besuch hier. Sie stellen sich vor die Exponate und fotografieren sich gegenseitig. Andere sind tatsächlich zur Aufsicht da. Offenbar fürchtet man auch hier Anschläge. Vor dem Eingang werden die Rucksäcke durchleuchtet. Allerdings wie so oft in China nur halbherzig. Obwohl es bei mir pfiff, wollte niemand in meine Taschen schauen.

Überall findet man Hinweise auf die Brutalität der tibetischen Gesellschaft vor dem stets als „friedliche Befreiung" bezeichneten Einmarsch der Roten Armee. Es gibt Schautafeln die zeigen, wie die Familie des Dalai Lama sich an ihren Leibeigenen bereichert hat und dass Tibeter den früheren Dalai Lamas Menschenopfer bieten mussten. Das Bild vom aktuellen Dalai Lama sucht man aber vergeblich. Wohl nicht ohne Grund. Denn gerade am Morgen hat mir eine Mitarbeiterin noch versichert: „Eigentlich sieht es ja ganz nett aus."

In der zweiten Halle wird das moderne Tibet gezeigt. Bilder von der alten, heruntergekommenen Stadt werden einer modernen Stadt gegenübergestellt. Ich frage einen Besucher, was ihm besser gefällt. Es ist nicht immer der eintönige chinesische Betonismus der gut ankommt. „Ich mag eben die Natur", meint er fast ein bisschen entschuldigend. Die Gegenüberstellung verzichtet übrigens auch auf jede Erinnerung an die verheerende Kampagnen der Kommunistischen Partei, welche auch in Tibet grosses Übel angerichtet hat: Die Kulturrevolution und die Zerstörung der Klöster bleiben ausgeblendet.

Ich treffe wieder die Ausländerin, welcher ihre chinesische Beleitung unterdessen ihre Sicht der Yuan-Dynastie erzählt hat. „Die Ausstellung ist interessant, aber vielleicht hat sie doch ein bisschen viel Propaganda", meint sie. Der Ausflug hat also nichts gebracht!