"Wir werden immer mehr zurückgedrängt!"

Weltreiseforum sprach mit einem Tibeter aus Lhasa. Der junge Mann lebt inzwischen in Peking und hat mit seiner Familie und Freunden regen Kontakt über SMS und Telefon.

Weltreiseforum: Herr Panchen, Sie haben für dieses Interview nur eingewilligt, nachdem wir versprochen haben, dass wir den Namen ändern. Wieso?

Panchen: In China gibt es strenge Strafen, wenn man sich für ein unabhängiges Tibet ausspricht. Es reicht schon, ein Bild unseres religiösen Führers dabei zu haben, um für ein paar Jahre im Gefängnis zu landen. In welchem anderen Land gibt es eine solche Unterdrückung? China müsste die Tibeter und die tibetische Kultur respektieren. Dann würden auch nicht die meisten Tibeter unabhängig werden wollen.

Weltreiseforum: China sagt aber, dass es die Kultur und die Sprache fördert und auch die Infrastruktur verbessert.

Panchen: Das Gegenteil ist der Fall! Die tibetische Kultur wird immer mehr zurück gedrängt. In Lhasa gibt es jetzt schon mehr Chinesen als Tibeter. An den meisten Orten ist es so, dass die fremden die Sprache der Einheimischen lernen. Im Tibet ist das umgekehrt: Weil wir Tibeter oft nicht so gut chinesisch sprechen, haben wir kaum eine Chance, eine gute Stelle zu finden. Ein Brief mit einer Adresse in der tibetischen Schrift kommt nicht an. Selbst wenn wir etwas verschicken wollen, sind wir gezwungen, die Sprache unserer Besatzer zu lernen.

Weltreiseforum: Dass sich aber die Infrastruktur verbessert hat, lässt sich nicht leugnen.

Panchen: Ja, die Infrastruktur hat sich verbessert. Aber wem nützt sie? Den Handel kontrollieren Chinesen. Sie sind es, welche gute Strassen brauchen, um unsere Bodenschätze abzubauen und damit grosse Gewinne zu machen. Wir brauchen diese Strassen oder die Eisenbahn nicht. Wir wollen eine saubere Umwelt - und diese machen die Chinesen kaputt. Als ich ein Kind war, war die Luft immer klar. Heute haben wir wegen den Fabriken oft Smog. Und vor ein paar Tagen hat sich ja auch gezeigt, wieso China die Strassen braucht: Damit die Soldaten schnell überall sein können.

Weltreiseforum: Aber in Lhasa hat die Gewalt doch bei den Tibetern begonnen.

Panchen: Dass die Leute wütend geworden ist, das ist doch leicht verständlich. Sie wurden von der Polizei eingekesselt und konnten nichts mehr tun. Der angestaute Frust hat sich dann eben entladen. Man darf auch nicht übersehen, dass viele Leute auch einfach Angst hatten, dass sie von der Polizei erschossen werden. Die blutige Niederschlagung der Proteste 1989 in Tibet ist noch bei vielen in den Köpfen.

Weltreiseforum: Aber das rechtfertigt doch nicht, dass man etwa Krankenhäuser anzündet.

Panchen: Gewalt ist keine Lösung. Das ist klar. Aber auch hier gibt es eine Erklärung. Wenn Tibeter mit einer Schussverletzung in ein Krankenhaus eingeliefert werden, dann werden sie gleich verhaftet und verschwinden. Die Eltern werden nicht einmal informiert, was mit ihren Kindern passiert. Das habe ich mehrmals selber erlebt bei Bekannten. Bei den Aufständen habe ich von meinen Verwandten gehört, dass die Krankenhäuser es ganz abgelehnt haben, Kranke oder verletzte Tibeter aufzunehmen. Das war der Auslöser für die Wut. Auch wenn es falsch ist, ein Krankenhaus anzuzünden, muss man sich doch fragen, ob es richtig ist, wenn Leute aus einem bestimmten Volk einfach nicht behandelt werden.

Weltreiseforum: Sollen die Olympischen Spiele boykottiert werden?

Panchen: Wenn das helfen würde, wäre es ja schön. Ich kann das nicht beurteilen. Der Dalai Lama meint allerdings, dass China die Spiele verdient habe.

Interview: Markus Müller





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